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Jetlag


Es musste das dritte oder vierte Mal sein, dass sie in dieser Nacht aus ihrem ohnehin seichten Schlaf wieder auftauchte. Ein genervtes Stöhnen hing irgendwo zwischen den Neuronen in ihren Hirnwindungen und ihren Stimmbändern fest und äußerte sich nur als angestrengtes Luftausstoßen. Sie rieb sich wider besseres Wissen über die Augen und blinzelte. Durch die nicht ganz geschlossenen Gardinen fiel schwaches Licht und Regen prasselte auf die Welt nieder. Ein Sommerschauer. Aber das war’s bestimmt nicht, was sie geweckt hatte.

Irgendwoher drangen Töne in ihr Gehör und verwirrt tatstete sie auf der Matratze nach dem iPod. Den hatte sie doch schon bei ihrem ersten Erwachen abgestellt und weggelegt, oder? Scheinbar, ja, denn finden konnte sie ihn nicht. Stattdessen langte sie auf den Nachttisch, quittierte den Absturz des wer-weiß-was-genau mit einem kleinen Wimmern und fand dann den iPod auf der glatten Holzfläche. Aber woher…?

Ein Gähnen wurde nur halbherzig hinter einer vom Schlaf noch viel zu schlaffen Hand versteckt, aber mal ehrlich, wen sollte es auch stören, in ihrem eigenen Schlafzimmer? Dafür stellte sich langsam aber sicher ein viel zu wacher Zustand ein, der auch endlich eine alles entscheidende, oder besser zwei, Erkenntnis zuließ.
Erstens, die Töne kamen vom Klavier.
Was wiederum zweitens nur bedeuten konnte, dass das Bett neben ihr wieder leer geworden war. Ein kurzer Blick bestätigte das. Das und dass sie ihre Brille aufsetzen musste um irgendwas zu sehen.

Während sie also die Beine von der Bettkante schob, langte sie nach dem Etui auf dem Nachttisch und beförderte kurze Zeit später die Brille auf ihre Nase. Das Licht einzuschalten war nicht mehr nötig und wäre auch viel heller als ihre Augen im Moment vertragen könnten.

Immer noch leicht schlaftrunken tapste sie die Holzstiegen hinunter in die untere Etage des Lofts. Der helle Parkettboden war kühl, aber nicht unangenehm kalt unter ihren bloßen Fußsohlen. Allerdings bezweifelte sie, dass ihr im August auch nur irgendetwas wirklich unangenehm kalt erscheinen konnte. Die Balkontüren waren geöffnet und die Vorhänge zur Seite geschoben. Unter dem cremefarbenen Lampenschirm der Stehlampe an der Wand tanzte ein lichtgieriges Insekt um sein Leben. Und vor dem Klavier saß, eine Hand auf der Klaviatur, die andere neben ihm am Hocker, der schwarzhaarige Mann, der neben ihr im Bett hätte liegen sollen.

Im Moment starrte er seine regungslosen Finger auf den schwarzen und weißen Tasten an und war wahrscheinlich in irgendwelche tiefgründigen oder auch einfach nur müden und schlaftrunkenen Überlegungen versunken. Vielleicht versuchte er auch zu texten, aber der dafür typische Notizblock und Bleistift lagen nicht irgendwo herum.

„Alex“, sprach sie ihn an und strich gleichzeitig eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. Er sah erschrocken von seiner Hand auf und schenkte ihr ein sanftes und entschuldigendes Lächeln.

„Hey. Ich wollte dich nicht wecken.“

„Schon gut, du weißt doch, dass ich ohnehin kaum schlafe, wenn du nicht neben mir liegst“, neckte sie leise und entlockte ihm damit ein träges Grinsen. Das war es, was sie an der Nacht so liebte; Alles geschah irgendwie leiser, langsamer, weicher.

„Du klingst wie ich, wenn ich texte.“

„Und da heißt es immer“, ein Gähnen unterbrach was es immer hieß, „Frauen seien kitschiger.“

Ein weiteres Grinsen und sanftes Nicken mit dem Kopf bedeuteten ihr zu ihm zu treten. Sein Arm fand den Weg um ihr Hüfte und ihre Hand ganz selbstverständlich den in seine Haare. Beinahe erschrak sie ob der Haarlänge, oder eher Kürze, bis ihr die MMS und emails, die er ihr vor ein paar Tagen geschickt hatte, wieder einfielen.
Neugierig hob sie auf die zweite Hand und strich mit beiden Handflächen über die viel leichter zu erreichende Kopfhaut. Sein Haar war weich wie immer und teilte sich zwischen ihren zehn Fingern. Wirklich kurz war es noch immer nicht, sie schätze es auf fünf… sieben… vielleicht zehn Zentimeter. Aber im Vergleich zu den mehr als nur schulterlangen Haaren davor, war es doch eine große Veränderung. Seit sie ihn kannte, fragte sie sich, wie er wohl mit kurzen Haaren aussehen mochte…

„Gefällt’s dir?“ fragte er leise und vergrub sein Gesicht in ihrem Bauch.

„Ja.“

„Gut.“

Eine Weile verblieben sie einfach so. Er mit dem Arm um ihre Taille und die Wange an sie angelehnt, sie mit einer Hand in seinen Haaren.

„Ich mag’s wenn du sein T-Shirt trägst“, merkte er schließlich an und hob den Kopf um sie an zu sehen.

„Ja, ich auch“, lächelte sie zurück. Das knielange, weiße T-Shirt, das sie zum Schlafen trug war ein Souvenir aus dem ersten gemeinsamen Strandurlaub. Julian, Alex’ Bruder, war ebenfalls mit von der Partie gewesen. Die beiden waren von Kindesbeinen an quasi unzertrennlich und suchten die Unterstützung des Anderen in allem was sie taten. Nicht mit Julian zu konkurrieren war mit das schwierigste an ihrer Beziehung. Als der ihr also achtlos eines seiner T-Shirts zugeworfen hatte, damit sie sich am Strand mittags keinen Sonnenbrand holte und später meinte sie könne es ruhig behalten, er hätte genug, war das ein Meilenstein und Segen gewesen.

„Kannst du nicht schlafen?“ unterbrach sie schließlich ihrer beide Ausflug in die gemeinsamen Erinnerungen.

„Mhm...“

„Jetlag?“

„Wahrscheinlich.“

„Na dann…“

Mit einem Seufzen und leichtem Kuss auf seine Wange löste sie sich aus seiner Umarmung und schlenderte in die Küche hinüber nur um sich kurze Zeit später mit zwei Pfirsich - Amaretto neben ihm auf den Klavierhocker zu setzen.

„Auf uns“, meinte sie und reichte ihm einen der Cocktails. Er nahm das Glas dankbar an und nickte ihr mit erhobenem Glas zu.

„Womit hab ich dich verdient?“, seufzte er dann theatralisch und schwenkte die Eiswürfel ein bisschen in dem Glas.

„Tja, Agent Scully, another unsolved mystery…“

„Mulder, wenn ich bitten darf. Scully war die Frau.“

„Passt doch, du bist eh so kitschig…“

„Na warte“, drohte er und begann mit der freien Hand ihr Seite zu attackieren.

Ihr überraschtes Quietschen zerriss die Stille überraschend schrill und war wahrscheinlich mehr dafür verantwortlich, dass er von seiner Strafe absah als ihre Bitte es zu tun. Ein bisschen atemlos und mit schnell klopfendem Herzen strahlte sie ihn herausfordernd an. Schneller als sie reagieren hätte können, hatte er die Kappe, die auf dem Klavier lag, in der Hand und auf ihren Kopf gedrückt.

„So.“

Mit der freien Hand rückte sie den Schirm der Kappe zurecht und lächelte weiter.

„Sexy“, war sein einziger Kommentar dazu, während er genießerisch an der leicht alkoholischen Mischung zwischen den Eiswürfeln nippte.

„Sagst du das auch zu Julian, wenn er so vor dir steht?“ kicherte sie leise. Schließlich war sie sich ziemlich sicher, dass auch die Kappe Julians Garderobe entsprungen war und von Alex wahrscheinlich einfach nur geborgt worden. In wie fern er vor hatte sie zurück zu geben konnte sie im Moment noch nicht einschätzen.

Er wiegte seinen Kopf ein bisschen hin und her, betrachtete sie über den Rand seines Glases genau und schien über die Antwort auf ihre Frage nach zu denken.

„Na ja, wenn er deine Haare hätte und deine Beine, deine Augen, deine Kurven und deinen süßen Mund… ganz zu schweigen von deiner Intelligenz, dem Abitur und der Brille… vielleicht…“

„Fetischist“, flüsterte sie und ließ es zu, dass er sie zärtlich auf eben jenen süßen Mund küsste.

„Stimmt.“

Ihre Hand fand einen Ruheplatz auf seinem Oberschenkel, während seine freie Hand wieder auf die Klaviatur zurück kehrte und er in die Stille hinein per Tastendruck ein paar Töne entsandte.

„Ich sollte wirklich endlich Klavier spielen lernen“, seufzte er.

„Solltest du.“

„Bist du nachts immer so frech?“

„Das müsstest du doch am besten wissen…“

„Touché.“

Es kehrte wieder Stille ein, die nur von den paar unbeholfenen Tönen, die er dem Instrument entlockte unterbrochen wurde. Jeder der beiden hing seinen eigenen Gedanken nach, während sich die Zeiger einer Uhr irgendwo drehten und die Gläser in ihren Händen sich relativ schnell leerten, bis sie beide auf dem Klavier nebeneinander ihren Platz fanden.

„Mach mal Platz“, forderte sie ihn leise auf und schob seine Beine auseinander um sich dazwischen setzen zu können. Es war schon lange nicht mehr verwunderlich für sie, wie selbstverständlich er sich an ihr anlehnen und sein Kinn auf ihrer Schulter ablegen konnte. Seine Rechte schlängelte sich um sie beide und kam kurz über ihrem Knie zur Ruhe, während die Linke zur Klaviatur zurückkehrte. Sie legte ihre Rechte über seine und schlupfte mit der Linken unter seine Hand und hob seine Finger damit vorsichtig von den Tasten.

„Was machst du?“ hakte er neugierig nach.

„Ich bring dir Klavier spielen bei, wonach sieht’s denn aus? ... So, als erstes musst du dich an die Bewegungen gewöhnen. Und deine Nägel stutzen, die sind viel zu lang.“

Gemeinsam führte sie ihre beiden Hände zwei Oktaven weit über die Tasten und dann wieder retour. Ihren Kopf lehnte sie nach hinten gegen seine Schulter und zur Seite gegen seine Wange. Sein Körper war warm, aber nicht so warm, dass es unangenehm wurde.

„Siehst du, du musst immer zuerst mit dem Mittel- und dann dem Ringfinger übergreifen…“ erklärte sie bereitwillig und trat noch eine Klangreise mit seiner Hand über ihrer an.

„Und bei der linken Hand muss immer zwischen dem zweiten und dritten Finger, also dem dritten und vierten Ton, ein Halbtonschritt sein… so wie hier beim E und F, da ist keine schwarze Taste dazwischen. Und dann hier oben bei H und C. Bei der rechten Hand ist das zwischen dem dritten und vierten Finger. Bei der C-Tonleiter ist das kein Problem, aber wenn wir D spielen…“

Zur Demonstration huschte sie mit seinen Fingern bis zur kritischen Stelle über die Tasten.

„Dann müssen wir hier aufs Fis, damit zwischen dem zweiten und dritten der ganze Ton bleibt und dann aufs G, damit zwischen Drittem und Viertem nur ein Halbton Abstand liegt. Eigentlich einfach, oder?“

Er hob ihre Hand von der Klaviatur und küsste vorsichtig jeden einzelnen ihrer Finger.

„Irgendwann werd’ ich dich noch heiraten wollen…“drohte er scherzhaft und zauberte ihr damit wieder ein Lächeln ins Gesicht.

„Ich dich auch, Alex. Ich dich auch.“

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XTC - Then She Appeared

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