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Natürlich habe ich an niemandem Rechte und mache das hier unentgeldlich und zu meinem (umstrittenen) Vergnügen. 

Ich widme das Gustav.


6. Gesang: Nothing Else Matters


Meine Hände zittern. Meine Hände zittern nie. Warum zittern meine Hände?


„Gustav!! W—was machst du denn hier?“


In meinem Kopf dreht sich alles. Es fühlt sich an als würde ein dicker, fetter Nebelschleier vor meinen Augen hängen. Dass es draußen schon ewig dunkel ist und ich kein Licht angeschalten hab’ krieg’ ich nicht mal richtig mit. Schemenhaft seh’ ich Knie irgendwo in meinem Blickfeld. Hände mit Drumsticks liegen drauf. Und sie zittern. Meine Hände können das nicht sein. Meine Hände zittern nicht. Nie.


Tom rückt sein Cap zurecht. Zum ersten Mal seit ich ihn kenne nicht aus Eitelkeit sondern weil es tatsächlich verrutscht ist. Verschoben von Bills eifrigen Händen, wie eine hämische Stimme mir eingibt.


Ich blinzle. Die Bilder meiner Vorstellungskraft verschwinden und zurück bleibt nur das Gefühl die Bilder zu sehen, auch wenn ich definitiv leer auf den Teppichboden des Hotelzimmers starre. Der ist langweilig beige und blendet sich perfekt in die stumpfe Dunkelheit, die im Moment hier drin vorherrscht, ein.


Toms Wangen sind rot, seine Ohren kann ich nicht sehen. Bills Gesicht hat mindestens dieselbe Farbe angenommen, aber während sein Bruder meinem Blick ausweicht hat er wenigstens noch den Anstand mich anzusehen. Mit sehr viel Entschuldigung und ein bisschen des für ihn so typischen Trotzes.
„Gustav… wir… wir können das erklären.“



Zittere ich vielleicht weil mir kalt ist? Mir scheint fast, als würde eine Gänsehaut über meine Arme kriechen. Es ist wie eine kleine Ameisenarmee. Mit tausenden kleinen Beinchen wuseln sie unermüdlich über die winzigen Hügel, die sich an meinen Haarwurzeln gebildet haben. Ein fleißiges Völkchen, das sich wirklich durch nichts stoppen lässt, diese Ameisen. Aber wie kommen sie unter meine Haut?


„Also… Tom und ich… wir…“ Bills Hände fahren fahrig durch die Luft und durch seine zerzausten Haare, die definitiv nicht mehr den Eindruck machen, als käme dieses Chaos von einem stundenlangen Styling. Sein Blick huscht über die Wände und kehrt immer wieder zu mir zurück. Er will es mir ja erklären, das kann ich spüren, aber scheinbar kann er im Moment einfach keinen klaren Gedanken, geschweige denn Worte, fassen. Wahrscheinlich weil seine Zunge gedanklich noch in Toms Hals steckt, flüstert die Stimme wieder.


Ich kann es kaum glauben, sogar meine Atmung zittert. Was soll das denn? Warum zittere ich so sehr? Das einzige, was nicht zittert sind meine Augen. Die sind weiterhin starr und weit geöffnet. Als könnte ich nicht fassen, was ich sehe. Dabei habe ich es schon gesehen und gefasst eigentlich auch schon mehr oder weniger. Nur noch nicht entschieden wie ich damit jetzt umgehen soll.

Damit? Womit eigentlich?


„Ihr seid ein Paar?“ Ich weiß gar nicht, warum ich auch noch versuche ihm zu helfen, aber ich denke, es ist wohl ein angewöhnter Reflex. Bill ist ein Bild der Erleichterung, als er ein „ja!“ ausstößt, schüttelt aber sofort darauf den Kopf, trägt wieder diesen verzwickten Gesichtsausdruck und korrigiert sich.
„Nein, also… ich weiß nicht… nicht so wirklich, aber schon… also, wir sind ja Geschwister…“ – wieder ein Kopfschütteln, weil ich das doch weiß – „.. also…na ja… mehr oder weniger… schon.“



Es gibt doch eigentlich nichts womit ich umgehen müsste. Da ist doch gar nichts. Ich bin doch allein hier im Zimmer. Nur ich und meine Gedanken, die wie auf einer Carrera-Bahn im Kreis rasen, hier und da aus der Kurve fallen und doch immer wieder von einer flinken Hand auf die Spur gestellt werden. Ist das meine Hand? Sie zittert nicht.


„Ja, was jetzt?“ Ich kann nicht verhindern, dass mein Ton ein wenig scharf klingt, ich will es auch gar nicht, schließlich bin ich…. was bin ich denn? Wütend? Verwirrt? Ratlos? Wohl eine Mischung aus allen dreien, die mich aggressiv macht.
Ich hab’ allerdings noch nie gesehen, dass Bill unter diesem Tonfall tatsächlich so sichtbar zusammen zuckt wie eben. Er ringt immer noch verzweifelt nach Worten, das kann ich ihm ansehen, aber ich will es nicht akzeptieren. Und auch als sein Blick auf mich abstürzt und er ein hilfloses „ich weiß es doch nicht…“ verliert, will ich nicht akzeptieren, was mein Unterbewusstsein schon lange verstanden hat: er weiß es wirklich nicht.



Die stumpfe Dämmrigkeit in meinem Zimmer wird vom Licht des Bildschirms meines Handys gnadenlos zerrissen. Zeitgleich durchsticht ein grelles Piepen die betäubende Ruhe. Ich wurde bestimmt noch nie so jäh aus meinen Gedanken gerissen. Und mit Zwillingen wie Tom und Bill im engsten Freundeskreis, ist das an sich schon eine Leistung.
Mechanisch legte ich die Drumsticks auf das Bett und checkte die eingetroffene Kurzmitteilung. David ließ zum Essen antreten.


„Wie kann man das denn bitte nicht wissen? Man knutscht doch nicht eben grundlos mit seinen Geschwistern rum, weil grad’ eben Zeit war!“ Jetzt bin ich wirklich laut. Eine kleine Stimme in meinem Kopf flüstert mir zu, dass ich meine Stimme drosseln sollte, denn wenn noch jemand auf die prekäre Situation aufmerksam wird, dann wird das hier eventuell wirklich noch ungut ausgehen.
Bill scheint die Stimme auch zu hören, zumindest erhebt sich sein verwundeter Blick ächzend und rast durch den Raum, ehe er erneut vor meinen Augen zu Boden geht. „Gustav, bitte… beruhig’ dich doch…“ fleht er.
„Mich beruhigen?!“



Ja, ich sollte mich beruhigen, Bill hat schon Recht. Ich hab’ mich beruhigen müssen um darüber nach zu denken. Es steht zweifelsfrei fest, dass das was Tom und Bill da getan haben nicht für meine Augen bestimmt war, nicht für irgendjemandes Augen bestimmt war. Allein, dass sie sich die Mühe gemacht haben sich unter durchaus guten Ausreden davon zu schleichen um heimlich … was auch immer sie tun… zeugt doch davon, dass sie wissen, wie gefährlich diese… Affäre für sie werden kann. Und damit auch für uns. Und Einsicht ist immerhin der erste Schritt zur Besserung, oder etwa nicht?


„Wie kannst du von mir verlangen, dass ich mich beruhige, Bill? Ist dir klar, was du hier tust – was ihr hier tut? Verdammt noch mal, Bill, das kann so gehörig ins Augen gehen! Was wenn nicht ich euch hier gesehen hätte sondern – “
„Ich weiß!“ Herrisch unterbricht Bill meinen Redeschwall mit zwei eiskalten Worten und einem genau so starren Blick.
„Geh jetzt bitte, Gustav. Wir sprechen später darüber.“
„Worauf du dich verlassen kannst“, knurre ich, gehorche ihm aber grotesker Weise.



Beruhigt hab’ ich mich jetzt. Zeit ist auch vergangen. Allerdings weiß ich nicht, ob ich überhaupt etwas zu sagen habe. Ist es nicht mehr oder weniger ihre Angelegenheit? Hab’ ich denn überhaupt das Recht mich da einzumischen? Ist es nicht viel mehr so, dass sie damit selbst fertig werden? Es sogar müssen?

Ich schnappe mein Handy, die Schlüsselkarte verschwindet mit ihm gemeinsam in einer Hosentasche, bevor ich mir einen Pullover überziehe und dann das Hotelzimmer verlasse. Vollkommen selbstverständlich schlendere ich über den Gang und klopfe an Bills Zimmertür.
„Gustav.“ Bills Stimme schwächelt ein wenig, als er mich begrüßt, er tritt aber zur Seite und bittet mich mit einer Geste in sein Zimmer. Tom hat sich von Bills Bett erhoben und beobachtet die Szene. Ich kenne ihn in dieser Rolle. Es passiert selten, dass Tom den Part eines Zuschauers übernimmt und es passiert nur dann, wenn er das Gefühl hat, Bill wäre irgendwie in Gefahr oder Schwierigkeiten. Dann taktiert er abseits des Geschehens und kann im Notfall als Deus Ex Machina seinem Bruder den kaum vorhandenen Arsch retten.

„David hat zum Essen aufgerufen, kommt ihr?“ erkundigte ich mich und ging nicht auf Bills Schwäche ein. Die beiden Zwillinge konnten nicht ganz verstehen, worauf ich hinaus wollte, das sah ich ganz deutlich an den flackernden Blicken, die sie austauschten. Bill ist es, der es schließlich wagt mich leicht hoffnungsvoll an zu blicken.
„Heißt, das…“
„Hey, ihr werdet schon wissen was ihr tut. Ich vertrau’ euch”, lächle ich nur milde und habe, ehe ich mich versehe einen lachenden, schluchzenden, zittrigen Bill in den Armen. Der letzte Rest Stärke, den er aufbringen konnte, bricht zusammen und ich sehe mich Hilfe suchend nach Tom um. Der reagiert auch prompt, spricht leise seinen Dank aus und nimmt mir Bill ab, der sich stattdessen an seinen Hals wirft.
„Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich“, höre ich Bill über und über erstickt flüstern und mir wird klar, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Die beiden waren noch nie normal und sie brauchen einander zur Zeit mehr denn je. Diese körperliche Zuwendung, die sie bei einander finden braucht doch jeder Mensch. Und wahrscheinlich ist es auch genau das, was es ihnen ermöglicht vor den Kameras die ganze Welt in ihren Bann zu ziehen. Es ist immer schon ihre besondere Stellung zueinander gewesen aus der sie ihre ganze Kraft geschöpft haben. Und jetzt, da sie mehr Kraft brauchen, brauchen sie sich mehr um sich wieder zu regenerieren. Auf eine sehr verquere Art und Weise erscheint mir ihre Entscheidung sich auf einander ein zu lassen, sogar logisch.
Und wenn es etwas gibt, was ich mit hundert Prozent Sicherheit über die Kaulitz-Brüder sagen kann, dann ist das, dass sie zwei der besten Freunde sind, die man nur haben kann. Man kann sich immer voll und ganz auf sie verlassen und das letzte was sie tun würden, wäre ihre Freunde irgendwie zu gefährden, dafür würden sie sich selbst sofort zurück stellen.

„Los jetzt, wir haben keine Zeit für Sentimentalitäten, es gibt Futter!“ Bill lacht schräg auf, löst sich von Tom, nickt und verschwindet im Bad. Als er kurz darauf wieder heraus kommt, sieht man ihm die Anstrengungen des Tages nicht mehr an und als Tom kurz seine Hand drückt, strahlt er wieder die Power und Stärke aus, die uns berühmt gemacht hat.

„Also los, ab mit uns, sonst meckert David wieder, die Glucke“, lacht er, ich stimme in sein Lachen ein und Tom steckt die Schlüsselkarte ein, ehe er die Tür schließt.

Sie scheinen glücklich zu sein, wie es ist. Und das ist doch letztendlich alles was zählt.


~*~
So close no matter how far
Couldn't be much more from the heart
Forever trusting who we are
No, nothing else matters

~*~


Ende

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