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Mein Name ist Leander Okeanos Basilia. Meine Mutter ist griechischer Abstammung, und trägt immer noch den griechischen Familiennamen obwohl ihre Familie schon zwei Generationen vor ihr aus Griechenland ausgewandert ist. Sie hatte ihr Heimatland das erste Mal gesehen als sie und ich Urlaub am Meer in Griechenland machten. Meine Mutter hatte das Meer immer schon geliebt. Sie hat mir öfters lachend erzählt, dass sie einmal als sie noch ein Kind war und mit ihrer Familie am Meer war, einen Sturm mit riesengroßen Wellen erlebt hatte. Ihre Eltern hatten ihr gesagt sie solle in ihrem Zimmer bleiben, aber sie ging hinunter an den Strand und erlebte den Sturm hautnah. Als sie zurück kam, triefend nass aber strahlend, und ihre Mutter sie versorgt hatte, hatte sie gesagt:
„Mama, wenn ich groß bin, heirate ich das Meer!“ Sie ist wahrscheinlich die einzige, die der Sache auch nur im entferntesten nahe kam. Seit ich mich erinnern kann, hat sie jede freie Minute – wenn möglich – am Meer verbracht. Genauso lange schon verbringe ich alle meine Ferien mit ihr am Meer. Nicht immer am selben Fleck, aber wir reisen mindestens einmal im Jahr an diesen bestimmten Ort an der Küste Sardiniens dessen Namen ich mir einfach nicht merken kann. Dort hat sie mich empfangen. Demnach auch meinen Vater getroffen. Obwohl nicht zum ersten Mal. Das mit meinem Vater ist eine komplizierte Sache.

Als ich klein war, hat sie mir die Geschichte meines Vaters als Gute-Nacht-Geschichte erzählt. Ich war immer stolz darauf, so einen tollen Vater zu haben. So einen wichtigen. Und ich freute mich für meine Mutter, denn immer wenn sie von meinem Vater erzählte, dann leuchteten ihre Augen auf diese bestimmte Art. Und ich konnte in ihrer Erzählung regelrecht versinken. Ich hörte die Wellen am Strand in Sardinien rauschen, und hörte meinen Vater zu ihr sprechen, wenn sie von ihren Unterhaltungen erzählte. Obwohl ich meinen Vater nie so getroffen habe wie meine Mutter. Ich kenne ihn nur aus den Erzählungen meiner Mutter und von den Urlauben am Meer. Ich habe einen tollen Vater. Meine Mutter und er haben nur 28 Tage miteinander verbracht. Eine Mondperiode. Und nein, das ist kein Zufall. Mittlerweile kann ich die Geschichte meiner Eltern auswendig, aber ich werde nicht müde meiner Mutter zuzuhören, wenn sie mir davon erzählt. Ich liebe ihre Stimme wenn sie von meinem Vater spricht, sie bekommt immer diesen mystischen Klang. Ich kann mich nicht erinnern wann ich das erste Mal am Meer war, oder an dem Ort an dem meine Mutter meinen Vater das erste Mal so traf. Ich kann mich auch nicht erinnern wann ich ihre Geschichte das erste Mal hörte. Aber ich kann mich daran erinnern, wie ich als kleiner Junge immer in den Armen meiner Mutter gelegen habe, die Augen geschlossen, weit weit weg an dem wohl schönsten Fleckchen Erde, wenn sie mir die Geschichte erzählt hat. Ich bin nie vor dem Ende eingeschlafen, nicht einmal. Aber wenn ich es dann doch tat, dann immer mit dem Geräusch der Brandung in den Ohren und dem Geruch und Geschmack von Meerwasser in Nase und Mund. Ich liebte meinen Vater und wünschte mir keinen anderen.

Ich kann mich noch an diesen einen Tag im Kindergarten erinnern, an dem wir von unseren Eltern erzählen sollten. Als ich an der Reihe war, erzählte ich von meinem Vater und war stolz darauf es beinahe mit den selben Worten wie meine Mutter tun zu können. Ich dachte, man würde mich für meinen guten Vortrag sicher loben. Stattdessen schimpfte die Tante mit mir und hielt mir eine lange Predigt darüber, dass man nicht lügen dürfe. Dann hat sie mich noch einmal gebeten über meinen Vater zu erzählen, aber ich weigerte mich etwas anderes zu behaupten als das was mir meine Mutter erzählt hatte. Meine Mutter wurde damals zu einem Gespräch mit der Oberkindergartentante beordert. Sie erzählte meiner Mutter von dem Vorfall und ich weiß bis heute nicht was meine Mutter ihr für eine herzzerreißende Geschichte aufgetischt hat um mein Benehmen zu erklären. Ich wartete außerhalb des Zimmers, als ich auf einmal hörte wie meine Mutter in Tränen ausbrach. Ich fürchtete es sei meine Schuld, dass sie weinte. Als sie aus dem Büro herauskam, umarmte ich sie irgendwo auf Hüfthöhe und entschuldigte mich tausende Male. Aber sie bückte sich zu mir herunter, strich mir durchs Haar, küsste mich auf die Stirn und sagte:
„Es ist nicht deine Schuld, Okeanos. Du hast das sehr gut gemacht.“ Ich werde diese Worte nie vergessen. An diesem Abend erzählte sie mir noch einmal die Geschichte meines Vaters. Und dann musste ich ihr versprechen nie jemanden von meinem Vater zu erzählen, bis ich nicht jemanden gefunden hätte der es Wert ist, diese Geschichte zu hören. Ich versprach es ihr, auch wenn ich damals nicht wirklich verstand was sie meinte.

Als ich mit der Schule begann, lachten mich einige der Kinder aus, weil ich keinen Vater hätte und ich begann an der Geschichte meiner Mutter zu zweifeln. Immerhin, sie war wirklich nicht gerade etwas, was einem alltäglich passierte. Doch sobald ich meine Hände in jegliche erdenkliche Form von Wasser tauchte, strafte ich mich selbst einen Idioten. Die Geschichte meiner Mutter war wahr. Und die Schwimmhäute zwischen meinen Fingern und Zehen, die allerdings nur im Wasser und dann auch nur von ihr und mir gesehen werden können, sind ein eindeutiger Beweis dafür.

*

Es war mein 17ter Sommer und das ich weiß nicht wie vielte Mal, dass Mana, wie ich meine Mutter immer nannte, und ich nach Sardinien fuhren. Doch diesmal wurden wir begleitet. Das Mädchen hieß Thalassa und war in meinem Schwimmverein. Sie war erst seit zwei Monaten dabei, aber wir hatten uns von Anfang an prächtig verstanden. Obwohl sie anfangs sehr geschockt von meinem Erscheinungsbild war. Sie ist die einzige Person, abgesehen von meiner Mutter natürlich, die meine Schwimmhäute sehen kann. Mana ist regelrecht vernarrt in sie, beinahe so sehr wie ich. Anfangs war ich unsicher wie sie auf den Vorschlag Thalassa nach Sardinien mit zu nehmen reagieren würde, aber sobald Thalassa ihr erzählte, dass sie meine Schwimmhäute sehen könnte, war sie hellauf begeistert von der Idee.

Thalassa und ich spazierten abends oft mit meiner Mutter am Strand entlang, und ich gestehe ich wunderte mich warum sie ihr die Geschichte meines Vaters noch nicht erzählt hatte. Ich fühlte, dass es nicht mein Recht war es ihr zu erzählen. Aber es war mein Recht ihr etwas anderes zu erzählen. Und so kam es, dass ich Thalassa im Alter von siebzehn Jahren eine selbstgebastelte Muschelkette schenkte und einen Heiratsantrag machte. Für das eine war ich eigentlich schon zu alt, für das andere eigentlich noch zu jung. Aber das machte mir nichts aus. Und sie war scheinbar ebenfalls kindisch und erwachsen genug um beides an zu nehmen. An diesem Abend brachte Mana uns an die exakte Stelle an der ich gezeugt wurde. Sie setzte sich auf den noch warmen Sand und nahm Thalassa in den Arm. Meine Verlobte saß mit dem Rücken an meine Mutter gelehnt, Manas Arme um sie gelegt und auf mich wirkte es beinahe als wäre sie auch Thalassas Mutter.

„Es war einmal ein kleines Mädchen, dass mit seinen Eltern und Geschwistern die Ferien immer am Meer verbrachte. Sie liebte das Meer über alles andere, und wenn andere vor den gewaltigen Wellen des Meeres flohen, so war das für sie erst recht die Zeit in der sie im Wasser sein wollten. Denn für sie waren die Wellen nur übermütige Kinder, die nach Spielkameraden suchten. Das Mädchen war so oft es konnte im Wasser, am liebsten aber hatte sie das Meer.
Eines Tages sagte es zu seiner Mutter: „Mama, wenn ich groß bin, will ich das Meer heiraten.“ Die Mutter schüttelte nur schmunzelnd den Kopf über ihre kleine Tochter. Das Mädchen allerdings war sich sicher, dass es das Meer eines Tages heiraten würde. Es verbrachte so viel Zeit wie nur irgend möglich am Meer und sprach auch zu ihm. Die Leute schüttelten den Kopf über das Mädchen, besonders als ihr Verhalten sich mit den Jahren nicht änderte. Ihre Eltern hatten oft versucht sie „zu Vernunft zu bringen“ doch die junge Frau wollte nichts davon hören. Im Alter von 21 reiste sie auf eine Insel um wieder einmal am Meer zu sein. Sie hatte sich zwar ein Hotelzimmer genommen, doch sie übernachtete oft am Strand. So wie in dieser einen sternenklaren Neumondnacht. Sie lag auf dem feinen Kies und beobachtete die Sterne, als sie eine Stimme, so tief und weich wie den Ozean, vernahm. Die Stimme sprach zu ihr über die verschiedenen Sternbilder und die längste Zeit unterhielt sie sich mit der Stimme, die sie so sehr an Wasser erinnerte, ohne den Blick vom Himmel zu nehmen. Doch als die Neugier sie übermannte und sie sich nach der Stimme umsah, erblickte sie einen Mann von unbestimmbaren Alter. Er schien kaum älter als sie selbst zu sein, aber er hatte eine Aura des Wissens der Alten um sich. Seine Haut schimmerte grünlich, sein Haar leuchtete in allen Meeresblautönen und seine Augen strahlten in einem hellen türkis. Wie das Wasser an einem weißen Kiesstrand. Er nannte ihr seinen Namen nicht, doch sie wusste auch so wer es war. Die junge Frau erkannte in ihm die Liebe ihres Lebens, das Meer. Die nächsten 28 Tage und Nächte verbrachte sie ausschließlich mit ihm. Meistens am Strand oder im Wasser. Als der Mond sein vollstes Stadium erreicht hatte. Begann in der jungen Frau ein neues Leben zu wachsen. Am nächsten Neumond musste sie Abschied von dem Mann nehmen.
Zum Abschied schenkte er ihr eine Kette aus den schönsten Schätzen des Ozeans und sagte: „Zuvor musste ich weinen, da ich meine Liebe nicht finden konnte, jetzt tue ich es, weil ich sie wieder verlassen muss. Ich weiß nicht, welche Tränen bitterer sind.“ Auch die Frau verlor Tränen, doch sie brachte es nicht fertig Worte des Abschieds an die Liebe ihres Lebens zu richten. Neun Monate später gebar sie einen gesunden Sohn und gab ihm den Namen ihrer Liebe, des Vaters ihres Sohnes, in dem er immer an ihrer Seite war: Okeanos.“ Als meine Mutter ihre Erzählung beendet hatte, öffnete Thalassa die Augen und in ihnen glitzerten Tränen wie in den Augen der jungen Frau in der Geschichte. Sie verstand, dass es die Geschichte meiner Mutter war, und ich spürte, dass sie ihr glaubte. Seit diesem Abend nannte auch sie mich bei meinem eigentlichen Namen.

*

Gerade jetzt stehe ich mit Thalassa und meinen Kindern am Meer und verabschiede mich von meiner Mutter. Sie starb vor kurzem bei einem Schiffsunglück. Wie ironisch, meinen die meisten Leute, dass ausgerechnet das Meer, das sie so sehr liebte, sie schließlich das Leben kostete. Aber ich glaube, dass Mana sehr glücklich ist. Sie ist endlich wieder mit ihrer großen Liebe vereint. Ich weiß, dass Vater sie nicht gegen ihren Willen getötet hat. Bei dem „Unglück“ kam nur sie allein ums Leben. Ihr Körper wurde nicht gefunden. Sie versank in der Tiefe – lächelnd, da bin ich mir sicher – und tauchte einfach nicht mehr auf. Ich starre hinaus auf das Wasser und bin mir sicher, da draußen den Mann aus Manas Geschichte zu sehen, Hand in Hand mit einer Frau die meine Mutter ist, jetzt ein Teil des Meeres und endlich wieder mit ihrer Liebe vereint.

„Komm, gehen wir, Okeanos.“ sagt meine Frau und legt eine Hand auf meinen Arm. Ich lächle ihr zu. Sie nimmt unsere Tochter an der Hand und geht voraus. Unser Sohn steht neben mir und schaut wie ich noch aufs Meer hinaus. Gerade als ich mich bücke um ihn hoch zu heben, stößt er einen kleinen Schrei aus.
„Papa! Ich habe gerade Oma gesehen! Da draußen!“ Er zeigt aufgeregt auf das Wasser. Ich lächle ihn an.
„Oma ist jetzt wirklich da draußen. Und immer wenn du mit ihr reden willst, musst du nur ans Meer fahren, dann kannst du sie sicher sehen. Sie ist jetzt endlich wieder da wo sie hin gehört.“ Mein Sohn sieht mich mit großen Augen an und ich beginne ihm die Geschichte seiner Großmutter zu erzählen.

Ende


Nachwort: Die Geschichte ist schon ziemlich alt, ich habe sie eigentlich nie jemandem zu lesen gegeben... Falls sie jemandem trotzdem gefallen hat, darf er mir das natürlich gerne mitteilen *gg*

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