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5. Gesang: Irgendwie, irgendwo, irgendwann


Ich war skeptisch als sie mir sagten, dass ausgerechnet Bill Kaulitz den Arthur sprechen würde. An dieser Stelle möchte ich nicht falsch verstanden werden, ich mag den Jungen. Er ist durchaus ein netter, höflicher, wohlerzogener Junge. Und dass er ein bisschen für mich schwärmt ist eigentlich auch ganz schmeichelhaft. Da wäre dann allerdings auch schon das Problem. Ich konnte nicht beurteile nwas dieser Junge wirklich von mir dachte.

Mochte er nur meine Musik?

(Aber warum sollte ein 17 Jahre alter Junge meine Musik mögen?)

War das ein Überbleibsel einer Kindheitsschwärmerei?

(Aber als Kind hätte er mit „Nena“ noch viel weniger angefangen.)

Stimmte das, was die Klatschpresse behauptete und er eiferte mir nach?

(Das hört man aber so gar nicht in seiner Musik. Warum sollte ein 17-Jähriger auch wie „Nena“ klingen wollen?)

War ich am Ende so etwas wie seine Vorstellung der Traumfrau?

(Oh bitte, bitte nicht. Ich war doch locker alt genug um seine Mutter zu sein!)

Ehrlich gesagt machte mir letzteres am meisten Angst. Der Junge war nun mal ein Teenager. Und Teenager hatte die Angewohnheit ihr Interessensobjekt auch wissen zu lassen, dass da Interesse für sie da war. Und wie sollte ich mit meinen 46 Jahren auf die Schwärmerei eines 17-Jährigen reagieren?
Abgesehen von diesen persönlichen Bedenken, war ich mir aber auch nicht sicher wie professionell er das Ganze angehen konnte. Klar, es wurde schon mit Jüngeren synchronisiert, das waren aber meist keine unglaublich erfolgreichen Shootingstars. Ich hoffte nur er erwartete nicht irgendwie besonders behandelt zu werden. Weder von mir, noch von sonst jemandem.

Es stellte sich – (Gott sei Dank) – heraus, dass meine Bedenken vollkommen umsonst gewesen waren. Als ich am ersten Tag im Studio angekommen war, war er bereits da und ließ sich mit ruhiger Miene den Ablauf erklären. Tontechnik war ihm zwar nicht vollkommen fremd, mit dieser Art allerdings hatte er keine vorangehenden Erfahrungen. Ob meines Eintretens unterbrachen er und der Techniker ihr Gespräch und Bill begrüßte mich mit einem freundlichen „Hallo“, einem Lächeln und einem festen Händedruck. Genau so wie er alle anderen an diesem Tag begrüßte. Von dem quirligen Kind, das begeistert in die Hände geklatscht hatte, als es mich zum ersten mal getroffen hatte, war praktisch nichts mehr übrig. Vor mir stand ein viel reiferer und professionellerer Teenager, als er es mit 17 hätte sein dürfen.


Die nächsten Tage und Wochen verstärkten diesen ersten positiven Eindruck noch. Bill war immer top vorbereitet, sein Text saß schon bevor wir die Szene durch besprochen hatten, er war immer pünktlich, kritikfähig… Ich war eindeutig nicht die einzige im Studio, die erwartet hatte mit einem anstrengenden Kind zu arbeiten und völlig verblüfft feststellen musste, dass dieses Kind nicht so anstrengend war, wie wir alle gedacht hatten.

Ich fühlte mich in Bills Gegenwart nach und nach immer wohler. Die Bedenken, die mein Verhalten ihm gegenüber anfangs noch geprägt hatten, waren auf ein Minimum geschrumpft. Klar, wenn das x-te Fernsehteam eine Kamera und ein Mikro auf ihn richteten und ich fragten wie es denn nun für ihn wäre mit seinem Kindheitsidol – (und wenn man es genau betrachtete war er irgendwo immer noch ein Kind) – zusammen zu arbeiten, dann wurde mir wieder klar, dass ich diesen Jungen eigentlich mit äußerster Vorsicht behandeln hatte wollen. Nur wenn ich ihn eben mit jungen Technikern oder seinen Bandkollegen, die ihn hin und wieder abholten, herum albern sah, dann konnte ich nicht anders als ein Kind wie Sakias in ihm zu sehen. Und mein Junge war harmlos. Trotz seiner 16. Es konnte schon passieren, dass ich vielleicht zu freundlich zu Bill war und ihn eine Zuneigung spüren ließ, die eigentlich nicht angebracht war. Er hatte eine eigene Familie.
Aber so lange ich mich ihm gegenüber wie eine Mutter verhielt, auch wenn das nicht mein Platz war, bewegte ich mich auf sicherem Terrain. Richtig?

(Richtig. So lange.)

Und eines Tages war es dann so weit. Das dünne Eis, von ich erst jetzt bemerkte mich, von Bills kindlicher Schwärmer- und Flirterei dort hin gelockt, schon eine Zeit lang darauf bewegt zu haben, brach. Und das in dem Moment in dem Bill, der wohl gespürt haben musste, dass ich ihn beobachtet hatte, fertig sprach, sich zu mir drehte und mich mit dem für ihn typischen charmanten Lächeln direkt anblickte.
Ohne mein Zutun kräuselten sich meine Lippen in ein antwortendes Lächeln, das viel zu aufreizend war um angebracht zu sein. Mein Herz klopfte zu schnell, als dass ich es sofort bemerken konnte. Und als einer meiner Herzschläge wie ein laut dröhnender Donnerschlag mit vollem Karacho in mein Bewusstsein platzte, blinzelte ich erst verstört um dann den Blick abzuwenden. Und unweigerlich verschaffte mir Bills besorgte Stimme, die sich erkundigte ob es mir gut ginge, die Erkenntnis, dass Bill Kaulitz so eben ein weiteres Frauenherz für sich hatte höher schlagen lassen.

(Wie gesagt. So lange.)


„Boah, ey, du bist echt ätzend! Typisch Mann. Echt, ey.“
„Ich bin überhaupt nicht ätzend!“
„Doch! Du verstehst das einfach nicht, aber deshalb musst du noch lange nicht so abfällig über ihn sprechen! Du kennst ihn doch überhaupt nicht!“
„Du doch aber auch nicht!“

Sakias’ und Larissas aufgebrachte Stimmen schlugen mir bereits im Flur entgegen. Ein Schmunzeln fand den Weg auf meine Lippen, während ich die Schuhe abstreifte und meine Jacke auf den Haken hängte.

„Wen?“ fragte ich nach, auf der Durchreise durchs Wohnzimmer, wo meine beiden ältesten sich stritten, in die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen. Mit einem „Abend, Schatz“ küsste ich meinen Mann kurz auf den Mund um ihn nicht zu lange von seinen Kochtöpfen abzulenken und verschwand mit meinem Wasser wieder ins Wohnzimmer, wo ich mich mit einem geschafften Seufzen auf das Sofa fallen ließ.

„Also? Wen?“ fragte ich meine beiden Zwillinge und lugte zu ihnen hoch.
„Bill“, kam es mir zweifach erschlafft entgegen, ehe die zwei sich zu je einer meiner Seiten setzen. Ich fürchtete kurz bei der aufkeimenden Erinnerung an sein warmes Lächeln blass zu werden und nahm einen großen Schluck Wasser.
„Wieso streitet ihr euch Bills wegen?“ lenkte ich meine Aufmerksamkeit wieder auch meine Kinder und sah vom einen zur anderen.
„Weil Larissa auf den Typen steht!“
„Weil Sakias ein Arsch ist!“
Es musste das Jahrelange Training einer Zwillingsmutter sein, dass es mir ermöglichte aus dem Stimmenwirrwarr zwei Antworten heraus zu hören.
„Larissa!“ ermahnte ich mein Mädchen und bedachte sie mit einem tadelnden Blick.
„Ist doch wahr…“
„Ist es gar nicht!“
„Ist es wohl! Ich steh’ ja gar nicht auf den, du bist nur mal wieder total hysterisch. Außerdem geht’s dich überhaupt nichts an auf wen ich stehe oder nicht!“
„Tut es wohl! Ich muss doch auf dich aufpassen!“
„Boah, Sakias…“

Das kleine Grinsen ob Sakias’ Beschützerinstinkt und Larissas genervtem Stöhnen dessentwegen konnte ich mir nicht verkneifen. Kurz fragte ich mich, ob meine Zwillinge da besonders waren, oder ob alle so aufeinander fixiert waren. Zumindest was Bill und Tom anging, so hatte ich doch das Gefühl, dass die beiden auch sehr aneinander hingen. Es bestand doch also kein Grund zur Sorge ob Sakias’ Besitzansprüchen, oder? Auch wenn es mir manchmal erschien als verhalte sich Sakias Larissa gegenüber mehr wie ein Freund als wie ein Bruder, so brachte er doch immer wieder Mädchen mit nach Hause. Dass er also seine fehlende Freundin mit seiner Schwester kompensierte, konnte nicht sein.

„Mama, erklär’ du’s ihm!“ Erst Larissas Aufforderung riss mich aus meinen Überlegungen und zerrte mich wieder zwischen die Fronten meiner streitenden Kinder.
„Was erklären?“
„Dass ich nicht auf Bill stehe!“ Ich lüpfte verwundert die Augenbraue und betrachtete meine leicht verzweifelte Tochter.
„Wie stellst du dir das denn vor?“
„Na, du stimmst mir doch zu, dass der Junge einfach mal unglaublich süß aussieht, wenn er lächelt. Das kann einfach mal keine Frau leugnen. Das ist doch bloß ’ne total objektive Beobachtung, deshalb steh’ ich doch nicht auf ihn.“
„Das ist doch total unlogisch“, warf Sakias ein, noch bevor ich meiner Tochter die erbetene Zustimmung geben konnte. Darauf musste ich einfach lachen und Sakias den Oberschenkel tätscheln, auch wenn ich wusste, dass er das überhaupt nicht gerne hatte.
„Doch, mein Schatz, das ist schon mal so. Du findest deine Schwester doch auch hübsch, oder?“ Wie viel oder wenig Sakias’ zustimmendes Grunzen etwas mit Larissas finsterem Blick zu tun hatte ignorierte ich einfach und fuhr mit meinem Beispiel fort.
„Na siehst du? Deshalb stehst du doch trotzdem nicht gleich auf sie.“
„Mama!“ machte er darauf empört, ließ es sich aber nicht nehmen gleich weiter zu protestieren.
„Aber Bill ist ja nicht Larissas Bruder!“
„Das ist einfach mal der Vorteil an uns Frauen: wir wollen nicht gleich alles ficken, was wir für gut aussehend halten. Wenn du mal weniger mit deinem schwanzgesteuerten Stolz und mehr mit dem Hirn denken würdest, könntest du einsehen, dass Bill einfach mal gut aussieht.“
„Larissa!“ empörte ich mich wieder. Wer erlaubte dem Kind eigentlich sich so auszudrücken?
„Ist doch wahr…“ Sakias grummelte und das Gespräch wurde durch das laute „zu Tisch!“ und dann das Trampeln der beiden Kleineren beendet. Und ich war dankbar mich nicht mehr mit Bill Kaulitz’ Lächeln befassen zu müssen.


Der Weg zum Studio am nächsten Tag war die Hölle. Ich fühlte mich wie ein Teenager vor der Abschlussklausur – scheiß nervös. Und das wegen eines 17 Jahre alten Jungen. Wie erbärmlich war ich eigentlich? Oder war das am Ende ganz normal für eine Frau, die langsam aber sicher auf die Wechseljahre zusteuerte, dass sie das Alter nicht akzeptieren wollte und deshalb absolut irrationales Interesse an viel zu jungen Männern zeigt? Wobei – Interesse? War das nicht schon etwas zu viel?

(Nein, ist es nicht. Weißt du doch. Du kennst dich doch. Gesteh’s dir doch ein. Du hast Herzklopfen, wenn du an den Jungen denkst.)

Schließlich konnte ich nicht wirklich ernsthaftes Interesse an ihm haben. Das wäre ja praktisch wie Interesse an meinem eigenen Sohn.

(Auch das passiert. Wie war das mit Ödipus?)

Bill war eindeutig noch ein Kind und als solches aus meinem Interessensgebiet ausgeschlossen. Abgesehen davon, dass ich verheiratet war und glücklich mit meinem Mann und meinen Kindern.
Dass ich mich gedanklich rechtfertigte, machte mich nervös.
Dass ich bei Bills gelächeltem „Guten Morgen“ den Wunsch hatte dafür zu sorgen, dass er immer so unbeschwert aussah, auch. Denn so ungern ich es mir auch eingestehen wollte, das war nicht der Wunsch einer Mutter für ein Kind.


„Vertraust du mir?“ Der Mimik der Prinzessin war eindeutig zu entnehmen, dass sie nur mit Arthur spielte. Aber der war vor Liebe natürlich sprichwörtlich blind und konnte das nicht sehen. Das einzige was er sah, war die Möglichkeit „seine“ Selenia davon zu überzeugen, dass er die richtige Wahl sein könnte und sich als ihr Bräutigam eignete. Dementsprechend schnell und enthusiastisch kam auch seine Antwort.
„Natürlich!“
„Wirklich? Würdest du mir dein Leben anvertrauen?“
„Ja.“ Es war faszinierend mit anzusehen, wie Bill sogar Arthurs Mimik übernahm als er weitaus zögerlicher antwortete. Er hatte definitiv dazu gelernt. Betameche rollte mit den Augen, die Prinzessin aber schien zufrieden.
„Sehr gut. Dann mach einen Schritt zurück.“ Fast schien es mir als täte Bill den Schritt mit Arthur gemeinsam, was mich und Selenia königlich amüsierte. Arthur schien erleichtert diese Prüfung so leicht bestanden zu haben, wusste er doch nicht, dass es hier noch nicht vorbei war.
„Und noch einen.“ Arthur trat noch einen Schritt zurück und spürte die Klippe unter seinen Füßen bröckeln. Erschrocken sah er erst in den Abgrund und dann zu seiner Prinzessin, die ihn aufforderte noch einen Schritt zurück zu treten.
„Was ist? Vertraust du mir nicht?“ ließ ich Selenia ihn fragen.
„Doch…“ Bill zog kongruent mit Arthur die Augenbrauen zusammen. Sein Blick war konzentriert auf den Bildschirm vor uns gerichtet um seinen Einsatz nicht zu verpassen.
„Wieso bleibst du dann stehen?“ neckte Selenia. Eigentlich hätte ihr doch klar sein müssen, dass Arthur anders war als die Prinzen, die vor ihm um sie geworben hatten. Es hätte ihr schon vor seinem weichen Lächeln und dem sanften „um dir Lebewohl zu sagen“ klar sein müssen.
„Arthur!“ Selenia streckte panisch die Hand nach ihm aus, aber er hatte den Schritt schon getan. Arthur war gestürzt.

„Okay, ist gut so! Reicht für heute“, tönte es via Lautsprecher in unseren Aufnahmeraum. Bill hob die Hände über den Kopf um sich zu strecken. Ob des dabei hervorblitzenden Tattoos musste ich innerlich den Kopf schütteln. Zum Glück waren Sakias und Larissa noch nicht auf die Idee gekommen das zu tun. „Man kann sagen was man will, anstrengend ist es trotz allem“, lachte Bill mir entgegen und hielt mir die Tür auf. Ich freute mich eindeutig zu sehr über dieses Lachen und seine höfliche Geste, so dass ich mir fast wünschte er hätte in der Garderobe nicht auf mich gewartet, auch wenn er dabei einfach nur höflich war.

(Außerdem mag der Kleine dich. Und das ist dir ja ganz Recht so, nicht wahr?)

Wir schlenderten gemeinsam zum Ausgang und ich war Bill ganz dankbar, dass er vor sich hin quasselte. Ich wusste nicht, was ich hätte sagen können, auf betretenes Schweigen hatte ich aber auch keinen Bock. Allerdings konnte ich auch nicht wirklich behaupten ihm zu zu hören.
„Also dann. Schönen Abend noch“, wünschte er und ich hatte gerade noch Zeit ein „dir auch“ zu erwidern, bevor er in das Taxi stieg und mich allein zurück ließ.

(Als wäre er nie da gewesen. Als hätte er dich nie so einladend angelächelt. Als würdest du dir das alles nur einreden und vollkommen umsonst durchdrehen.)

An diesem Abend fühlte ich mich Philipp gegenüber das erste Mal schuldig, als ich ihn zur Begrüßung küsste.


Leider war es nicht das letzte Mal gewesen. Die unpassenden Gedanken Bill gegenüber nahmen über die nächsten Tage nicht ab. Im Gegenteil. Mir fiel auf, wie er versuchte seine Hände nicht zu viel zu bewegen wenn er sprach, oder wie vorsichtig er seine Haare aus dem Gesicht strich. Ich wusste was ich ihm erzählen musste um ihn zum Lachen zu bringen und musste mir eingestehen zu ihm geschielt zu haben, als Selenia Arthur einen Kuss aufdrückte und ihn so zu ihrem Gatten machte, um zu sehen wie er darauf reagierte.

(Weil unterbewusst nicht Selenia Arthur sonder Nena Bill küsst.)

Bill hatte den Bildschirm mit einem Schmunzeln aus dem ich nicht schlau wurde betrachtet. Es schien als erinnere die Szene ihn an etwas oder jemanden. Eine Erinnerung an der er zu hängen schien.

Ich fühlte und benahm mich mehr und mehr wie meine eigene Tochter.
Natürlich war mir immer schon aufgefallen, dass das Lächeln mit dem er mich ansah manchmal anders war als das, das er anderen Leuten schenkte. Der Junge war immer wieder dreist genug gewesen um mit mir zu flirten – auch wenn ich meistens das Gefühl gehabt hatte, dass es mehr unbewusst geschah. Sobald es ihm bewusst wurde schien es ihm auch immer eher peinlich zu sein.
Neu war mir, dass ich sein spielerisches Lächeln zurück schickte.
Neu war mir, dass ich meine Finger im Affekt reckte um seine länger spüren zu können, wenn er mir etwas reichte.
Neu war mir auch, immer zu wissen wo er sich gerade aufhielt.
Und diese neue Seite an mir, die scheinbar für Bill Kaulitz schwärmte, gefiel mir nicht. Ganz und gar nicht.

Ich war ein sehr toleranter und offener Mensch. Was ich allerdings unter keinen Umständen tolerieren konnte und wollte war Pädophilie. Und wenn ich als 46-jährige Frau auch nur einen halben Gedanken daran verschwendete einen 17-jährigen Jungen zu küssen, dann war das schon zu tiefst verstörend für mich.
Vor allem widerte mich an, dass es diese Seite an mir war, die ihn zum Abendessen nach Hause einlud, als er mir erzählte einige Tage allein zu Hause zu sein, da seine Bandkollegen sich frei genommen und Hamburg gen Magdeburg verlassen hatten.
„Danke, aber es ist eigentlich ganz schön mal Zeit nur für sich zu haben“, lehnte er freundlich ab und ich war ihm dankbar dafür. Und gleichzeitig sowohl enttäuscht als auch von mir angewidert. Was hatte ich mir denn davon versprochen?

An diesem Abend hatte ich seit längerem wieder Sex mit meinem Mann. Und fühlte mich danach schuldiger als zuvor .Als hätte ich versucht irgendetwas wieder gut zu machen wo doch gar nichts gut zu machen war.

(Und was ist mit deinen gedanklichen Abenteuern mit Deutschlands bekanntestem Teen-Star?)

Den Großteil der Nacht lag ich wach und versuchte das Chaos in meinem Kopf zu ordnen.


So ging das über die nächsten Tage weiter. Nachts konnte ich kaum schlafen und tagsüber machte ich mich ob Bills kleinsten Regungen verrückt. Ich entwickelte eine regelrechte Paranoia was den Jungen anging; womit ich ihn das eine oder andere Mal gehörig verwirrte. Ich versuchte stattdessen ihm so oft wie möglich aus dem Weg zu gehen, ohne ihn zu verletzen. Er konnte schließlich nicht wirklich etwas dafür, dass ich in ihm auf einmal so viel mehr sah als ein Kind.


Als ich in den Raum trat saß Bill auf einem der Sofas, ein Bein angewinkelt, eines von sich gestreckt und hörte Musik. Auf seinem Bein stützte er einen kleinen Block ab auf dem er schrieb, durchstrich, ausbesserte, ganz ausstrich nur um dann ein paar Mal mit dem Fuß zu tippen oder dem Kopf zu nicken, bevor er wieder etwas notierte. Wie konnte er Lyrics schreiben, während er Musik hörte, fragte ich mich, während ich die Tür vorsichtig schloss um ihn nicht zu stören. Scheinbar war ich nicht leise genug gewesen, denn er sah au, legte Notizbuch und Stift weg und zog sich einen der Kopfhörer aus dem Ohr.
Meine Musik.

~Die Zeit ist reif, für ein bisschen Zärtlichkeit; irgendwie, irgendwo, irgendwann~

„Es tut mir Leid, falls ich dir in letzter Zeit zu nahe getreten bin. Ich wollte wirklich nicht, dass du dich unwohl fühlst und mir aus dem Weg gehen musst“, meinte er aufrichtig und lächelte er mich dabei verlegen an. Selbst hinter seinen schwarzen Haarsträhnen konnte ich erkennen, dass seine Wangen sich rötlich verfärbten.

~Die Zeit ist reif, für ein wenig Zärtlichkeit; nicht irgendwie, nicht irgendwann – sondern jetzt!~

Ich wollte es eigentlich gar nicht tun, aber die Strecke zwischen ihm und mir war so schnell überwunden und dann fand ich mich auf einmal über ihn gebeugt wieder, die Hände neben seinem Kopf an der Sofalehne um mich zu stützen und meine Lippen auf seinem Mund.

Seine Lippen waren weich. Weich, warm und fest, wie mir in letzter Zeit alles an ihm erschien. Sein angewinkeltes Bein, über das ich mich beugen musste, glitt auf den Boden und ich reagierte darauf indem ich mich auf seinen Schoß setzte. Diesmal tat er mir nicht den Gefallen meine Einladung abzulehnen, sondern verschränkte seine Finger mit meinen. Wann ich nach seiner Hand gegriffen hatte, wusste ich nicht. Warum meine zweite an seinem Hals lag und seine an meiner Hüfte auch nicht. Und dass ich erst merkte die Grenze eindeutig überschritten zu haben, als ich durch die Bewegung seiner Zunge gegen meine die kleine Metallkugel, die darin steckte, spürte, würde ich mir wohl auf ewig nicht verzeihen können.

(Er küsst schüchtern. Wie ein Kind.)

Es streifte mich wie ein Blitz, als er die Lippen weiter öffnete und den Kopf drehte um Luft zu bekommen. Ich schnellte von seinen Beinen hoch, riss dabei unabsichtlich den zweiten Ohrstöpsel aus seinem Ohr und starrte ihm einen Moment lang verstört in die Augen. Wie konnte sein Blick so klar sein? Ich glaubte ein Kopfschütteln anzudeuten, als ich den Raum überstürzt verließ.
Hatte ich Bill wirklich gerade geküsst?
Bill Kaulitz von Tokio Hotel?
Bill, der gerade mal 17 Jahre alt war?
Hatte ich gerade wirklich ein Kind geküsst?!

Der restliche Tag war der reinste Alptraum. Ich tat mir schwer Bill auch nur anzusehen, geschweige denn Selenia die Stimme zu geben Arthur zu versichern auf ihn zu warten. Zum Glück waren wir alle schon relativ müde und es fiel niemandem auf, dass ich mir schwerer tat die Worte richtig über die Lippen zu bringen. Nie hatte ich mir sehnlicher das Ende eines Arbeitstages gewünscht.

Und als es dann endlich gekommen war graute es mir davor Bill anzusprechen. Ich wusste, ich musste das so bald als möglich klären, nur hatte ich leider nicht die geringste Ahnung wie. Und als ich ihm in der Garderobe gegenüberstand, wusste ich nicht mehr mit mir anzufangen, als ihn verstört an zu starren. Irgendwo am Rande meines Bewusstseins flüsterte mir meine Wahrnehmung zu, dass er sich auch nicht rührte und mich so aufmerksam ansah wie eine Beute das Raubtier.

Hatte er etwa Angst vor mir?

(Oh Gott, nein, bitte nicht!)

„Bill!“ Er zuckte ungewollt leicht zusammen und stimmte dann in mein verlegenes Lächeln ein. Ich strich mir nervös durch die Haare, er rückte den Gurt seiner Tasche auf seiner Schulter zu Recht. Was hatte ich denn sagen wollen? Ihn bitten zu bleiben?
Die unangenehme Stille, die auf meinen Ausruf gefolgt war, verdichtete sich, brachte ihn dazu sein Gewicht vom einen aufs andere Bein zu verlagern und mich dazu den Blick abzuwenden. Dass ich meine Jacke und Tasche vom Haken nahm und mir beides überwarf war eindeutig eine Alibihandlung.

„Bleibt es jetzt so?“ Ich hatte ihn noch nie so kleinlaut gesehen. Oder vielmehr gehört.
„Also, wir?“ setzte er hinzu und als ich aufsah, konnte ich sehen, dass er innerlich über dieses „wir“ genau so den Kopf schüttelte wie ich. Ein harmloses Personalpronomen, mit dem ich mich langsam schon wohler gefühlt hatte, als mit dem unpersönlichen „Bill und ich“. Und ein paar simple Momente zwischenmenschlicher Nähe haben ausgereicht um die Bedeutung dieser drei Buchstaben viel zu groß für so ein kleines Wort zu machen.
„Ich hoffe nicht“, hörte ich mich endlich sagen und brachte ein halbwegs festes Lächeln zu Stande. Bill spiegelte mein Lächeln und erwiderte ein leises „ich auch nicht“. Danach rangen wir wieder um Worte. In meinem Unterbewusstsein lief zwar andauernd der Moment ab, in dem ich ihn geküsst hatte, allerdings tat ich mir schwer damit, mir den Wahrheitsgehalt des Ganzen ein zu gestehen. Das war nicht nur eine verstörende Phantasie, das war passiert. Es war zur noch verstörenderen Realität geworden.

„Das war wohl keine sonderlich gute Idee.“ Ich fand es lobenswert, wie Bill versuchte die Situation aufzulockern und es war da, dass mir bewusst wurde, dass wir uns in diesem Gespräch – wenn man es denn so nennen konnte – auf gleicher Ebene begegneten. Wir standen uns nicht als Erwachsener und Kind, als etablierter Popstar und Newcomer oder als Schwarm und Schwärmender gegenüber sondern als zwei gleichwertige Parteien. Und in diesem Moment verstand ich auch, wo die letzten unserer Begegnungen über mein Fehler gelegen hatte: ich hatte ihn nicht ernst genommen, ihn nie als ebenbürtiges Gegenüber betrachtet.

„Nein, war es wohl nicht“, stimmte ich zu. Dann schloss ich die Augen und atmete tief durch, wissend, dass ich Bill meine nächsten Worte zutrauen konnte.
„Hör zu, es war dumm von mir dich zu küssen. Du bist doch in Wahrheit so wenig in mich verliebt, wie ich in dich. Ich hätte es nicht tun sollen, passiert ist es trotzdem.“
Bills Handy klingelte. Ich hätte ohnehin nicht gewusst, was ich noch sagen hätte sollen. Bill hatte nicht abheben wollen, das verriet sein Gesichtsausdruck, ein Blick aus Display allerdings änderte das.
„Tom“, warf er mir zu und klappte das Handy schnell auf.
„Hi. Ich bin gleich fertig.“ Ob Tom sich ein bisschen wunderte ob der „Begrüßung“? Nach einem knappen „piss dich nicht an, so kalt ist es nicht, ich beeil’ mich eh“ klappte Bill das Handy wieder zu und ließ es zurück in seine Tasche fallen.
„Begleitest du mich?“, fragte er und kurz darauf schlenderten wir auf den Ausgang zu. Die Gänge waren nicht mehr sonderlich hell beleuchtet und von den Wänden hallten zwei Paar Absätze im Takt unserer Schritte.

„Können wir das als geklärt betrachten? Ich meine, das steht doch nicht zwischen uns oder so was, egal wie blöde das jetzt klingt, oder?“ Ich blickte ihn von der Seite leicht verwundert an. Geklärt?
„Ist es für dich denn geklärt?“
„Du glaubst einen Fehler begangen zu haben, mir tut es Leid dich gewissermaßen dazu gebracht zu haben – auch wenn ich lügen müssten um zu behaupten ich würde es nicht noch mal ganz genau so machen. Schließlich hast du mir damit gewissermaßen einen Kindheitstraum erfüllt. Wir wissen beide, dass es eine einmalige Angelegenheit war. Was gibt es noch zu klären?“ Stimmt. Eigentlich gab es keinen Grund das länger als etwas zwischen uns Stehendes, wie er so schön sagte, zu betrachten.

(Du glaubst einen Fehler gemacht zu haben?)

„Glaubst du denn nicht, dass es ein Fehler war?“ Diese Frage musste ohne Umwege aus meinem Unterbewusstsein gekommen sein. Ich hörte sie genau so wie Bill zum ersten Mal, als ich sie ausgesprochen hatte. Bill ließ die Hand von der Klinke an der großen Glastür wieder sinken und drehte sich zu mir herum. Vielleicht hatte all der Kitsch, mit dem er in den zahllosen Liebesbriefen an ihn konfrontiert wurde, doch auf ihn abgefärbt. Der Kuss, den er mir auf die Lippen drückte kam auf jeden Fall irgendwie unerwartet und überraschte mich trotzdem nicht. Seine Augen waren geschlossen, so viel konnte ich sehen. Sein Flüstern dagegen konnte ich besser spüren als hören.

„Ich bereue es nicht und habe auch nicht vor das zu tun.“ Mit einem unverschämten Grinsen, Augenzwinkern und „bis morgen“ ließ er mich stehen und lief in die Nacht hinaus.

(Charmeur.)

Ich trat ebenfalls aus dem Gebäude und spürte die kalte Winterluft unter meine Kleidung kriechen. Es fröstelte mich. Und während ich beobachten konnte, wie Tom seinem Bruder zur Begrüßung auf die Schulter klopfte, seine Hand dann zu Bills hinab glitt um sie kurz zu halten und ich das Gefühl hatte Bills Strahlen bis hierher wahr zu nehmen, wurde mir klar, dass Bill unseren Kuss in das Tagebuch seiner Erinnerungen aufnehmen würde, das er von Zeit zu Zeit liebevoll durchsah. Aber mehr als Tinte auf einem Blatt Papier war es nicht.
Die Zwillinge kletterten in ein Taxi und ich machte mich kopfschüttelnd auf zu meinem Auto. Dieser Bill Kaulitz war schon ein Thema für sich.


Ende

» Good Cause



» Soundtrack

XTC - Then She Appeared

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