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Kiss the Girl// Ich rette die Welt


~*~
Du siehst es mir nicht an, ich habe einen Plan
es ist nicht leicht, doch ich glaube daran
kaum machbar, aber nicht unmöglich
~*~



Es ist nicht ungewöhnlich, wenn ich nach einem relativ unspannenden Arbeitstag vorschlage zur allgemeinen Erheiterung doch noch eine der zahlreichen Lokalitäten der Stadt aufzusuchen. Genau so wenig ungewöhnlich ist, dass mein Blick ob Betretens des Gebäudes sofort durch den Raum streift, auf der Suche nach einem passenden Spielzeug. So unmenschlich und grausam es klingen mag, es gibt genug Mädchen die meinen genau das sein zu können – es gilt dann nur noch heraus zu finden, wer von ihnen der Aufgabe sich nur eine Nacht, oder gar nur einen Abend, mit mir zu beschäftigen wirklich gewachsen ist.

Frauen haben die unangenehme Angewohnheit mehr von einem Mann zu wollen als eine Nacht guten Sex. Während der Umstand diese Nacht genossen zu haben beim Mann einen Reflex des rück- und weiter Ziehens hervorruft, bringt er eine Frau dazu sich längerfristig an dem Mann binden zu wollen – wobei sie ihm meist den guten Sex vorenthält um „nichts zu überstürzen“. Heraus zu finde ob oder in wie fern das mit steinzeitlicher, genetischer Programmierung zu tun hat liegt nicht in meinem Aufgabenbereich – mir ist lediglich klar, dass Beziehungen zwischen den Geschlechtern auf diese Art nicht möglich sind und Homosexualität demnach nicht zu verurteilen sondern zu beglückwünschen ist. Die wenigen Klugen, die es geschafft haben ihren Körper auf das eigene Geschlecht reagieren zu lassen, haben eindeutig erhöhte Chancen eine funktionierende Beziehung zu führen.

Und ob es wiederum dieser Umstand war, der mich dazu brachte mich in meinem Bruder zu verlieben und ihn dazu meine Gefühle zaghaft und verzweifelnd zu erwidern, ist letztlich irrelevant. Das einzige was für mich zählt sind die melancholischen Blicke, die er mir, begleitet von einem traurig anmutigen Lächeln, schenkt, während er langsam begreift machtlos gegen dieses Gefühl zu sein. Er weiß, dass er es nicht aufhalten kann, genauso wie er von meinen Gefühlen für ihn weiß, ohne dass ich ihm jemals davon erzählt hätte. Und mit seinem klaren Blick, den auch die tiefe Zuneigung, die er immer schon für mich in sich trug, nicht trüben kann, hat er schon längst durchschaut, dass wir es einander nicht länger vorenthalten würden, hätten seine Gefühle erst die Festigkeit erreicht, die meine schon lange haben. Und ab diesem Punkt wären wir eine Zeitbombe, deren Selbstzerstörung unwiderruflich eingeleitet ist.

Geprägt von dieser Erkenntnis sind die stummen Hilferufe, die er mir schickt. Er will uns nicht aufs Spiel setzen. Er will mich nicht verlieren. Er liebt mich zu sehr.
Geprägt von meinem verliebten Egoismus wollte ich ihm diese eine Bitte nicht erfüllen. Freudig habe ich beobachtet, wie er nach und nach jede meiner Bewegungen gieriger in sich aufsog und uns so endgültig miteinander verband. Bis die traurige Akzeptanz und die stumme Zustimmung in seinen Berührungen mich aufrüttelten und ich ihn für einen Moment wieder als das sehen konnte, was er war: mein kleiner Bruder. Und dieser Moment hatte gereicht um den Beschluss, ihm die romantischen Gedanken an mich auszutreiben, in mir zu festigen. Ich weiß wie stur Bill emotional ist und dass dieses Vorhaben dadurch praktisch undurchführbar ist, aber wie könnte ich meinem kleinen Bruder eine Bitte abschlagen? Noch dazu eine so innbrünstige?


~*~
Egal wie es ausgeht, ob schlecht oder gut
am Ende hab ich es versucht
und das ist, was zählt
~*~


Ich kann nicht einschätzen wie gut oder schlecht mein Plan ist und wie gut oder schlecht oder ob überhaupt er funktionieren wird. Und wenn er funktioniert, ob er den gewünschten Effekt erzielt? Ganz so ungefährlich ist mein Vorhaben schließlich auch nicht. Ihm das Herz zu brechen wird weder an ihm noch an mir spurlos vorbei ziehen. Ich hoffe er kann mir irgendwann verzeihen. Ich hoffe er erkennt meine Absicht. Ich hoffe er schätzt meinen Verzicht.

Mir war lange nicht mehr so schlecht beim Gedanken an weibliche Gesellschaft für einen Abend, wie heute. Mein Bauch zieht sich zusammen und notgedrungen wandert die halbverdaute Masse aus meinem Magen die Speiseröhre wieder hinauf und verursacht einen konstanten Brechreiz in meiner Kehle. Mein Herz klopft überall nur nicht in meiner Brust, dafür viel zu schnell und heftig. Ich bin nervös. Ich bin so verdammt nervös, ich könnte lachen, heule und kotzen gleichzeitig. Nicht wegen des Mädchens, das Mädchen könnte mir nicht mehr egal sein. Nervös bin ich bei dem Gedanken an Bills mögliche Reaktion. Dass mein eigenes Herz in tausend Stücke zerspringen wird, in dem Moment, in dem Bills bricht, befürchte ich ohnehin. Das wovor ich Angst habe, ist die Möglichkeit, dass ich es für immer zerstört in meiner Brust tragen muss und bei jedem Schritt die einzelnen Teile gegeneinander schlagen und klirren hören werde.

Mit einem tiefen Atemzug schüttele ich meine Gedanken ab, wähle ein geeignetes Mädchen und bereite mich auf die schlimmste Gräueltat meines kurzen Lebens vor.
„Ich sollte mir keine Hoffnungen machen, dass ein so hübsches Mädchen wie du alleine hier ist, oder?“ Sie kichert ein wenig, ehe sie ein kokettes Lächeln aufsetzt und mir mit jahrelanger Übung einen Augenaufschlag schickt.
„Na ja, Hoffnung stirbt zu letzt, oder nicht?“ Sie streicht sich eine rote Strähne hinters Ohr, wobei ein paar einzelne Strähnchen nicht parieren wollen und ihr wieder ins Gesicht fallen. Es verleiht ihr etwas Freches. Ob sie genau so lang wie Bill gebraucht hat, um diese Bewegung zu erlernen?
„Würde ich enttäuscht werden?“
„Ich enttäusche äußerst ungern.“

Sie ist glitschig. Wie ein Fisch versucht sie immer wieder meinem Griff zu entgleiten. Es wird ein langer Abend werden, das spüre ich. Und nicht nur das, ich spüre auch Bills verwunderten Blick auf mir ruhen. Noch hat er meinen Plan nicht durchschaut. Ich weiß, dass er ärgerlich sein wird. Zumindest, bis er versteht. Falls er versteht.
Dass er hinter mir sitzt gefällt mir nicht. Also setze ich mich auf den freien Barhocker neben meiner zukünftigen Eroberung. Bill befindet sich am Rande meines Blickfeldes, durch einen kurzen Seitenblick kann ich mich vergewissern, dass er immer noch mit Gustav in der Sitzecke lungert und verständnislos meinen Flirt beobachtet. Ich muss nicht hinsehen um zu wissen, dass er mit Missfallen beobachtet wie ihre Finger über meine tänzeln oder unsere Köpfe sich immer näher kommen, wenn wir lachen – ganz so als sei dieses Lachen etwas Geheimes oder Verbotenes, das nur für uns gedacht ist oder als probten wir für das, was unausweichlich kommen wird. Ich weiß das, sie weiß das. Auch Bill weiß das.
Ich stelle nüchtern fest Recht zu behalten: zu sehen wie sich zu Bills Verwunderung nach und nach Wut, Enttäuschung und Schmerz gesellt, quetscht mir die Eingeweide und lässt mich an meinem Entschluss zweifeln.
Haben wir nicht vielleicht doch eine Chance?
Können wir es nicht vielleicht verbergen?
Würden wir das gemeinsam nicht durch stehen?
Wir haben miteinander doch bisher alles durch gestanden!
Wir lügen Leuten täglich so dreist ins Gesicht, dass sich mit bei näherer Betrachtung die Nackenhaare aufstellen!
Es hat doch jeder eine Chance verdient!

Mit ihren lackierten Nageloberflächen streicht sie mir zärtlich den Unterarm hinauf. Es ist leicht mir vorzustellen, es wären Bills Nägel. Viel zu leicht. Es treibt mir außerdem Tränen in die Augen. ich kann es mir jetzt nicht leisten sentimental zu werden. Es gibt einen Plan, den es auszuführen gilt.
„Bin ich dir etwa schon langweilig geworden?“ schmollte sie, und ich befürchte es ist nur zum Teil gespielt. Auf der Stelle tauche ich aus meinen Gedanken auf und sende ihr ein entschuldigendes Grinsen.
„Nein, ich fürchte nur in die Verlegenheit zu kommen dich zu langweilen.“ Sie lacht und schüttelt ihre schöne Mähne. Und als sie mich wieder ansieht, ist ihr Blick verschleiert und ihre Stimme hüllt sich in Rauchschwaden.
„Ich wüsste da schon etwas um uns zu beschäftigen…“ Ihre Nägel gleiten wieder über meinen Unterarm, machen aber diesmal vor Oberarm und Schulter nicht halt. Ich weiß, dass sie zufrieden ist, als sich die feinen Härchen unter ihren Berührungen aufstellen. Genau so wie Bill weiß, dass ich so auf sie reagiere und damit ganz und gar nicht zufrieden ist.

Was wenn das nicht die richtige Methode ist? Wenn ich ihn so sehr verletze, dass er mich nie wieder ansehen kann?

Die Kraft der Anziehung bringt unsere Gesichter näher zueinander; oder ist es ihre Hand, mit der sie leichten Druck auf meinen Nacken ausübt? Ihre Lider sind geschlossen, sie muss nicht sehen um zu wissen was sie will und wie sie es bekommt. Und die sanfte, schlanke Hand in meinem Nacken verleiht ihr zusätzlich Macht über mich.

Ich riskiere einen Seitenblick zu meinem Bruder. Wenn er jetzt nicht versteht, wird er nie verstehen. Mit ganzem Herzen hoffe ich er würde mich mit seinem Blick anflehen das nicht zu tun; ich möge stattdessen zu ihm kommen, ihn unter irgendeinem Vorwand zurück ins Hotel bringen und mit ihm tun was ich in Begriff bin mit diesem Mädchen zu teilen. Bill kneift die Lippen zusammen, klammert sich an seinen Five Star Strawberry Deluxe als sei es die letzte Möglichkeit, die ihm noch bleibt und starrt in meine generelle Richtung ins Leere. Als er meinen Blick auf sich spürt, verzieht er seine Lippen zum traurigsten und dankbarsten Lächeln, das ich je gesehen habe. Er hat verstanden. Und er fleht mich an. Er fleht mich an es zu tun und ihn zu zerstören, damit wir bestehen bleiben. „Küss sie“, höre ich ihn flüstern obwohl seine Lippen fest verschlossen bleiben. Am liebsten würde ich lauthals protestieren. Ein fremdes Lippenpaar verschließt die meinen.


~*~
Ich mach die Augen zu

und nehme all meinen Mut
denn ich weiß, heute muss ich etwas Gutes tun
ich mach die Augen zu und nehme all meine Wut
hier kommt ein ganz normaler Held
ich rette die Welt
~*~


Ende

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XTC - Then She Appeared

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